Anmerkungen zur Geschichte der Medizin und zur Position der Psychiatrie

Takeshi Matsuishi

 

Yokohama Research Institute for Disability, Education and Industry

Die Kategorisierung der Medizin als Wissenschaft ist nicht unumstritten. Ist Medizin eine Wissenschaft oder nicht? Diese Frage gehört in das Feld der Wissenschaftsphilosophie.  Ich beziehe mich daher auf den englischen Anthropologen Sir James George Frazer und sein Buch „The Golden Bough“ (Der goldene Zweig) von 1890. Darin schreibt er, dass der Magie und der Wissenschaft eine gemeinsame Geisteshaltung zugrunde liegt. Beide sind das Gegenteil der Religion, in der die Menschen eine übergeordnete absolute Macht anerkennen und ihr gehorchen. Magie und Wissenschaft dagegen stellen ihre eigene Ordnung her und verändern die Welt nach ihren Bedürfnissen. Der Unterschied zwischen den beiden Disziplinen besteht darin, dass die Weltordnung der Magie willkürlich ist, während sich die Wissenschaft auf die objektive, langfristige Beobachtung von Phänomenen gründet. Die Medizin bestand lange Zeit aus magischen Ritualen, mit denen die Verlängerung des Lebens oder die Aufrechterhaltung der Gesundheit erbeten wurden. Doch wie Michel Foucault aufzeigt, ermöglichte die pathologische Autopsie echte wissenschaftliche Beobachtungen krankhafter Veränderungen im Körper. Meiner Meinung nach haben seitdem im medizinischen Bereich der Pathologe und der Biologe mehr Wert und ein höheres Ansehen als ein Arzt.

Die Praxis der Chirurgie erinnert sicherlich ein wenig an magische Rituale, doch moderne Chirurgie wird gemäß Theorien durchgeführt, die durch riesige Mengen von Beobachtungsergebnissen bestätigt werden. Es stimmt, dass hier nicht dasselbe sichere Wissen regiert wie in der Mathematik. Beim derzeitigen Stand der medizinischen Wissenschaft kann das medizinische Personal Unsicherheiten nicht ausschließen. Können wir aus dieser Tatsache schließen, dass die Medizin keine Wissenschaft ist? Auch in der Statistik sind die Berechnungen mathematisch exakt und absolut wissenschaftlich, während die Daten, vor allem biologische oder soziologische Daten, allzu oft beliebig sein können. Die Ergebnisse sind daher in vielen Fällen nicht stabil, sondern veränderlich.

Die Erwähnung von Michel Foucaults „La Naissance de la Clinique“ (Die Geburt der Klinik: Eine Archäologie des ärztlichen Blicks) bedarf einer näheren Erläuterung. In diesem Titel ist mit „Klinik“ die moderne Institution der medizinischen Klinik gemeint. Der Autor schreibt, dass die moderne medizinische Klinik aus der Zeit der Französischen Revolution stammt, als der Einfluss der katholischen Kirche schwächer wurde und deshalb unzählige pathologische Autopsien durchgeführt werden konnten.  Die Medizin vor der Revolution, die sich auf die Semiologie (Symptomatologie) gründete, wurde nicht als Wissenschaft bezeichnet, doch im Anschluss an diese pathologischen Untersuchungen des menschlichen Körpers wurde die Medizin zum ersten Mal zu den Wissenschaften gerechnet. Der Name einer Krankheit muss den Ort und die Art der Wunde angeben, und die Pathologie selbst entwickelte sich durch den Einsatz des Mikroskops, des Elektronenmikroskops und jetzt auch der genetischen Analyse weiter.

Doch ein Bereich der Medizin, nämlich die Psychiatrie, muss sich vorläufig noch auf Semiologie verlassen, weil die Untersuchung des Gehirns mit zu großen Schwierigkeiten verbunden ist. Die vorläufige Klassifizierung psychiatrischer Erkrankungen erfolgte im Zeitalter von Pinel. Doch psychiatrische Symptome stellen manchmal eine Gefahr für das soziale Umfeld dar, deshalb spielte bei der Klassifizierung der Faktor des Schutzes der Gesellschaft eine Rolle. Von diesem Zeitpunkt an ist die Psychiatrie damit keine Naturwissenschaft mehr, sondern nimmt eher soziale und politische Züge an. Heute ist die Erforschung des Gehirns dank MRI- und PET-Scans usw. bedeutend einfacher geworden. Die Revision von DSM und ICD sind auf eine differenziertere Klassifizierung und höhere diagnostische Standards ausgerichtet. Auf diese Weise sollen geeignete klinische Stichproben zur Untersuchung der pathologischen Grundlagen von Erkrankungen ermöglicht werden. Ich möchte, dass in naher Zukunft auch die Psychiatrie als eine der Wissenschaften eingestuft wird.

Wie in jedem wissenschaftlichen Bereich müssen wir auch hier jede Anstrengung unternehmen, um die Patientenbeobachtung und die Integration der daraus gewonnenen Ergebnisse fortzusetzen.

 

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